Desinfektion von GMP-Reinräumen: Kontaktzeit, Reinigung und Rückstände - praxisnah, risikobasiert, auditfest

    

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 Desinfektion im GMP-Reinraum ist keine "Zusatzreinigung", sondern ein kontrollierter Prozessschritt, mit dem mikrobiologische Risiken gezielt reduziert werden. Damit das zuverlässig funktioniert, muss Desinfektion in den meisten Fällen zusammen mit der Reinigung betrachtet werden: Eingetragene Verschmutzungen, Produktreste oder Rückstände der Oberflächenreinigung können die Desinfektionswirkung reduzieren. Umgekehrt können Desinfektionsmittel durch Rückstände, Materialeffekte oder ihren Einfluss auf das Monitoring neue Risiken erzeugen. Genau diese Wechselwirkungen bzw. die daraus resultierenden Maßnahmen führen in Audits immer wieder zu Nachfragen.

 

Der Annex 1 des EU-GMP-Leitfadens formuliert die Grundlogik wie folgt:

 

"They should be cleaned and disinfected thoroughly in accordance with a written programme. For disinfection to be effective, prior cleaning to remove surface contamination should be performed. Cleaning programmes should effectively remove disinfectant residues."

 

Im Annex 1 wird dies jedoch nicht eindeutig formuliert. Es bleiben zwei Fragen offen:
1. "For disinfection to be effective, prior cleaning to remove surface contamination should be performed": Was bedeutet das für Bereiche, in denen eigentlich gar keine oder nur geringfügige Verschmutzung bzw. Oberflächenkontamination vorliegt? In vielen Bereichen besteht die Verschmutzung lediglich aus locker aufliegenden Partikeln. Ist dann nicht - wie bisher - eine Routinedesinfektion mit tensidhaltigen oder tensidverwandten Desinfektionsmitteln bzw. der Effekt des Wischens mit einem desinfektionsgetränkten Tuch, das Verschmutzungen aufnehmen kann, ausreichend? Im gegenteiligen Fall bringt man möglicherweise Rückstände des Reinigungsmittels auf die Oberflächen, benötigt mehr Zeit und Geld, belastet die Umwelt durch zusätzlichen Chemikalien- und Wasserverbrauch stärker und erzeugt möglicherweise zusätzliche Abwässer sowie einen höheren Bedarf an Reinigungsequipment, etwa weiteren Tüchern oder Mopps.
2. Wann sollen Desinfektionsmittelrückstände entfernt werden? Nach jeder Desinfektion oder in definierten Abständen? Wenn sichtbare Rückstände vorhanden sind - das berühmte Kriterium "Visual Clean" -, zum Beispiel bei einigen aus pulverförmigen Desinfektionsmitteln hergestellten Anwendungslösungen? Oder erfolgt die Abreinigung auch dann, wenn keine sichtbaren Rückstände vorhanden sind?

 

Eine weitere Fragestellung, die sich aus dem Annex 1 ebenfalls nicht beantworten lässt, betrifft die Einwirkzeiten.

 

Im Folgenden werden beide Themen zusammengeführt - mit dem Ziel, eine Argumentationslinie zu liefern, die technisch stimmig, in SOPs steuerbar und in Inspektionen gut erklärbar ist.

 

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1. Kontaktzeit, Einwirkzeit, Benetzungszeit: Warum die Begriffe entscheidend sind

Ein zentraler Grund für die anhaltenden Diskussionen ist, dass in Gesprächen, aber auch in Inspektionen und Audits häufig verschiedene Dinge gemeint sind, obwohl dieselben Begriffe verwendet werden. Ein Beispiel dafür ist die "wet contact time" aus dem angloamerikanischen Raum. Für SOPs und Audits lohnt es sich, die Begrifflichkeiten sauber zu trennen.

Unter Einwirkzeit versteht man typischerweise die Zeit, die ein Wirkstoff benötigt, um unter definierten Bedingungen eine geforderte und definierte Keimreduktion zu erreichen. Die Benetzungszeit beschreibt dagegen schlicht, wie lange eine Oberfläche in der Praxis tatsächlich sichtbar feucht bleibt. Der Begriff Kontaktzeit wird unterschiedlich verwendet: entweder als Synonym zur Einwirkzeit oder als tatsächliche Zeit, in der ein Mikroorganismus mit wirksamem Agens in Berührung ist.

Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, was man, mit Einschränkungen, im Betrieb überhaupt "kontrollieren" kann. Denn sichtbare Nässe (Benetzung) ist beobachtbar, aber nicht zwingend identisch mit "Wirkstoffkontakt" - insbesondere bei nichtflüchtigen Wirkstoffen. Sind diese erst einmal auf den Mikroorganismus aufgebracht, also an der Zellmembran angelagert oder in die Zelle eingeschleust, wirken sie möglicherweise auch nach dem Abtrocknen der Fläche. Umgekehrt kann bei reaktiven oder flüchtigen Systemen das Ende der Benetzungszeit sehr wohl das Ende der wirksamen Phase bedeuten. Zu berücksichtigen ist auch, welche Art der Desinfektion zum Einsatz kommt: Sprühen oder Wischen, alkoholbasiert oder in wässriger Lösung? Die ausgebrachte Flüssigkeitsmenge und damit die Benetzungszeit sind in der täglichen Praxis schwer zu steuern. Vor allem wenn Oberflächen mit Wischmitteln, zum Beispiel einem zuvor ausgewrungenen Mopp, desinfiziert werden, bestehen Spielräume hinsichtlich der Frage, wie nass bzw. feucht die Wischmittel nach dem Auswringen noch sind. Das wiederum beeinflusst die Benetzungszeit.

Es sollte außerdem erwähnt werden, dass bei Laborversuchen zur Wirksamkeitsprüfung oder zur Validierung von Desinfektionsprozessen immer von der Einwirkzeit gesprochen wird.

2. Sprühdesinfektion, ECHA/EN 13697 und die Frage des Abtrocknens

In vielen Diskussionen taucht das Argument auf, dass ein ECHA-Papier im Kontext der Prüfung nach EN 13697 für Sprühapplikationen eine Mindestauftragsmenge für volatile Substanzen (z. B. 18 ml) adressiert und dass ein Abtrocknen während der Kontaktzeit in diesem Laborkontext toleriert wird. Das ist für die Einordnung wichtig, aber man muss klar unterscheiden: Solche Vorgaben sind in erster Linie als Rahmen für Laborprüfungen und die Vergleichbarkeit von Wirksamkeitsnachweisen gedacht. Sie liefern eine Empfehlung für standardisierte Tests, nicht automatisch eine betriebliche "Muss-Applikationsmenge". Des Weiteren wird in der Biozidverordnung gefordert, eine Applikationsmenge für die Desinfektionsmittel anzugeben. Ob es sich dabei um eine Mindestmenge zur Sicherstellung der Wirksamkeit oder um eine Höchstmenge zur Expositionskontrolle im Raum für die Mitarbeiter handelt, entscheidet entweder der Hersteller, der die Daten eingereicht hat, oder - falls keine Mindest- bzw. Höchstmenge angegeben ist - der Nutzer.

Der Grundkonflikt bleibt: Im Labor trocknet die Oberfläche unter der jeweiligen Versuchsanordnung oft nicht so schnell ab. Im Reinraum dagegen kann eine Oberfläche durch hohe Luftwechselraten, niedrige Luftfeuchte oder warme Zuluft innerhalb weniger Minuten trocken sein. Zusätzlich kommen reale Oberflächen (rau, beschichtet, schwer benetzbar), Kanten, Übergänge und die unvermeidliche Variabilität der Applikation hinzu. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass Auditoren das Thema "wet contact time" aufgreifen, insbesondere wenn Validierungsdaten nicht robust sind oder wenn bei einzelnen Oberflächen die geforderten Reduktionsfaktoren knapp verfehlt wurden. Aus der Praxis zeigt sich jedoch, dass Inspektoren und Auditoren dieses Thema auch bei bestandenen Prüfungen zur Qualifizierung der Desinfektionsmittel bzw. bei der Validierung der Prozesse ansprechen, obwohl es dafür keine wissenschaftliche Rationale gibt. Ob das daran liegt, dass mikrobiologische Fragestellungen häufig nicht zum Kerngebiet der Auditoren gehören, lässt sich hier nicht beantworten. Aus der Praxis heraus ergibt sich deshalb in Unternehmen häufig eine einfache und sehr wirksame Maßnahme zur Vermeidung von Eskalationen: Wer eine feuchte Kontaktzeit sicherstellt, reduziert Diskussionen. Das bedeutet nicht, dass man immer und überall "nachbenetzen" muss. Es heißt aber, dass man so appliziert, dass die Oberfläche zunächst vollständig benetzt ist und - wo das Risiko hoch ist - über eine definierte Zeit feucht bleibt. Das führt allerdings auch dazu, dass möglicherweise unnötig hohe Wirkstoffmengen appliziert werden, die Material, Umwelt und gegebenenfalls auch den Menschen negativ beeinflussen können. Häufig bieten weder die Daten aus den Laborversuchen noch die Monitoringdaten eine ausreichende Rationale für dieses Vorgehen.

Wichtig ist die klare und ehrliche Einordnung in der SOP-Logik: Das Feuchthalten ist keine universelle Naturgesetzforderung aus Normen, sondern eine risikobasierte betriebliche Kontrollmaßnahme, mit der man Unsicherheiten bei kritischen Kombinationen aus Wirkstoff, Oberfläche und Umgebung reduziert.

3. Wie man die Kontaktzeit-Debatte fachlich schließt: "Wir messen, wir prüfen, wir monitoren"

Weil sich die Frage "Muss es 15 oder 30 Minuten feucht sein?" nicht pauschal für jedes Mittel und jeden Reinraum beantworten lässt, ist ein dreistufiger Ansatz am belastbarsten. Zunächst wird im Betrieb ermittelt, wie lange relevante Oberflächen unter realen Bedingungen tatsächlich feucht bleiben. Das kann sehr einfach sein: Man markiert repräsentative Flächen, führt die typische Applikation durch und dokumentiert die Zeit bis zum "optischen Trocknen". Entscheidend ist, dass die Prüfung realitätsnah erfolgt: mit gleicher Sprühtechnik, gleichem Abstand, gleichen Tüchern bzw. Mopps und gleichen Raumparametern.

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Auf Basis dieser realen Benetzungszeiten kann man anschließend die Wirksamkeit des Verfahrens unter diesen Bedingungen bewerten oder prüfen. Wenn die Oberfläche bei Ihnen typischerweise nach 3-5 Minuten trocken ist, ist es fachlich konsequent, die Wirksamkeit nicht nur unter Idealannahmen, sondern auch unter dieser "harten" Realität zu betrachten - insbesondere bei sporiziden oder reaktiven Systemen. Allerdings werden viele Desinfektionswirkstoffe ihre volle Wirksamkeit nicht bereits nach 3 oder 5 Minuten entfalten. Substanzen wie quartäre Ammoniumverbindungen wirken, wie oben erwähnt, an der Zellmembran auch nach dem Abtrocknen weiter, aber eben nicht zwingend innerhalb von 3-5 Minuten. Daran ändert auch eine Verlängerung der "wet contact time" nichts. Darauf wird in Abschnitt 4 weiter eingegangen.

Die dritte Säule ist das Hygienemonitoring. Weder Normprüfungen noch Validierungsversuche können den Alltag vollständig abbilden. Stabile und nachvollziehbare Monitoringdaten über einen längeren Zeitraum sind deshalb ein starker Hinweis darauf, dass das Verfahren im Betrieb tatsächlich geeignet ist. Umgekehrt sind grenzwertige oder instabile Trends ein Signal dafür, dass man Parameter wie Applikation, Rotation, Kontaktzeit, Vorreinigung oder Materialzustand nachschärfen muss.

Diese drei Sätze sind in Audits äußerst "tragfähig": "Wir kennen unsere reale Benetzungszeit. Wir haben die Wirksamkeit unter diesen Bedingungen bewertet bzw. abgesichert. Und wir belegen die laufende Eignung durch Monitoring und Trending." Warum die harten Daten aus Monitoring und Trending in Audits manchmal trotzdem nicht anerkannt bzw. akzeptiert werden, bleibt aus mikrobiologisch-wissenschaftlicher Sicht unverständlich.

4. Warum der Wirkstofftyp die Rolle des Abtrocknens verändert

Ob ein frühes Abtrocknen kritisch ist, hängt sehr stark von der Chemie ab. Bei alkoholischen, schnell flüchtigen Systemen ist die Logik intuitiv: Wenn der Wirkstoff schnell verschwindet, muss die Benetzung während der meist kurzen Einwirkzeit ausreichend sein. Solche Mittel werden genau deshalb häufig für schnelle Prozesse und produktnahe Bereiche gewählt - auch, weil sie als reine Alkohol-Wasser-Systeme ohne Zusätze in der Regel rückstandsarm sind.

Bei nichtflüchtigen, oberflächenaktiven Wirkstoffen (z. B. QAV-basierten Systemen) wird häufig vertreten, dass eine vollständige Anfangsbenetzung entscheidend ist und dass die Abtötung auch nach dem optischen Trocknen weiterlaufen kann. Gleichzeitig verschiebt sich hier der Fokus: Nicht nur "Wirkt es?", sondern auch "Welche Rückstände bleiben und was bewirken sie?". Diese "weiterlaufende Wirksamkeit" wird in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern historisch häufig anerkannt. Das ergibt sich überwiegend aus dem Aufbau der Testverfahren für nationale Listungen oder für die europäischen Normen, bei denen die Fläche einmalig benetzt und nicht nachbefeuchtet wird. Im angloamerikanischen Raum wird dies häufig nicht anerkannt. Das kann an unterschiedlichen Testmethoden, an der pharmazeutischen "Worst-Case"-Denke oder an dem Wunsch liegen, immer auf der sicheren Seite zu sein.

Bei reaktiven sporiziden Systemen (z. B. aus Pulverform angesetzten Lösungen, bei denen das wirksame Agens durch eine Reaktion in Lösung entsteht) kann frühes Abtrocknen besonders kritisch sein. In der Praxis gab es Fälle, in denen Inspektoren, unter anderem der FDA, ein Feuchthalten forderten, nachdem ein Hersteller in Validierungsstudien auf bestimmten Oberflächen die geforderten Reduktionsfaktoren nicht nachweisen konnte. In einer solchen Situation ist die Forderung kein "Dogma", sondern eine nachvollziehbare Risikoreaktion auf unzureichende Wirksamkeitsdaten. Zu berücksichtigen ist hier auch die Möglichkeit eines falsch-negativen Monitoringergebnisses, wenn die Rehydratisierung der angetrockneten Wirkstoffe durch die Feuchtigkeit des Abklatschmediums nicht ausreichend berücksichtigt und kein geeigneter Enthemmer im Medium gewählt wurde. Geeignete Enthemmer für die eingesetzten Desinfektionsmittel in den Nährmedien sind eine Grundvoraussetzung, um brauchbare Monitoringergebnisse zu erhalten.

In diese Betrachtung gehören immer auch Material und Benetzbarkeit. Epoxidharzoberflächen können durch ihre Struktur und mikroskopisch kleine Nischen die Desinfizierbarkeit erschweren; antiadhäsive oder stark beschichtete Materialien (z. B. Teflon) können die Benetzung reduzieren. Das sind typische Gründe dafür, dass ein Verfahren auf Edelstahl sehr robust ist, auf einer anderen Fläche aber plötzlich empfindlich reagiert. Die Oberflächenspannung der Desinfektionsmittel ist dabei ein weiterer wichtiger Punkt. Manche Mittel benetzen sehr gut, andere bilden unmittelbar nach dem Auftragen Tröpfchen und trockene Bereiche.

5. Reinigung im GMP-Reinraum: Validierung, Qualifizierung und die praktische Grenze manueller Verfahren

Wenn die Reinigung produktrelevant ist, wird sie zu einem klassischen Annex-15-Thema. Für kritische Flächen - produktberührend oder unmittelbar produktzugewandt - ist eine Reinigungsvalidierung in der Regel erforderlich, weil die Reinigung direkt mit Produktqualität, Kreuzkontamination und Patientensicherheit verknüpft ist. Das gilt überwiegend für die Anlagenreinigung (Leitungen, Kessel, Tanks, Behälter etc.).

Automatisierte Systeme (z. B. CIP) sind hier im Vorteil: Parameter wie Zeit, Temperatur, Fluss, Konzentration und Spülvolumina sind definierbar und reproduzierbar. Bei manueller Reinigung (Tuch/Mopp, Sprüh-Wisch-Verfahren) ist die Variabilität naturgemäß höher: Druck, Überlappung, Sättigung, Tuchwechsel, Technik und Schulungsstand. Das macht eine "klassische" Reinigungsvalidierung oft deutlich schwieriger. Allein das manuelle Ansetzen von Reinigungslösungen stellt häufig einen Unsicherheitsfaktor dar. Falsche Verdünnungen führen zu nicht reproduzierbaren Ergebnissen.

In solchen Fällen ist es häufig sinnvoll, den Weg über eine Qualifizierung des manuellen Reinigungsprozesses zu gehen - mit Methoden, deren Verlässlichkeit zuvor geprüft wird. Praktisch bedeutet das: Man nutzt z. B. Leitfähigkeitsuntersuchungen dort, wo es chemisch passt, etwa zur Beurteilung des Spül- bzw. Rückstandsverhaltens, und man nutzt "Visual Clean" als Mindestkriterium und als Trigger. Gleichzeitig kommuniziert man klar, was "Visual Clean" leisten kann und was nicht. Wo das Risiko hoch ist, etwa bei Produktkontakt, muss der Nachweis stärker sein als "sieht sauber aus".

Im Folgenden wollen wir jedoch, um die oben genannten Fragestellungen zu klären, auf die Reinigung und Desinfektion von Räumen und nicht auf die Innenreinigung von Produktionsanlagen eingehen. In diesem Bereich wird in der Regel auch nicht von "Reinigungsvalidierung" gesprochen, die im Zusammenhang mit Annex 15 des EU-GMP-Leitfadens steht. Hier spricht man vielmehr von der Qualifizierung von Desinfektionsmitteln bzw. von der Validierung der Desinfektionsverfahren.

6. Reinigung vor der Desinfektion: Wann sie zwingend ist - und wann sie neue Probleme schafft

Annex 1 sagt: Für eine wirksame Desinfektion soll vorher gereinigt werden, um Oberflächenkontamination zu entfernen. In Bereichen mit relevanter Verschmutzung ist das eindeutig: Produktreste, organische Belastung oder sichtbarer Schmutz können Mikroorganismen schützen und Wirkstoffe inaktivieren. Hier ist eine Vorreinigung fachlich zwingend.

In sehr "sauberen" Reinraumbereichen stellt sich aber zu Recht die Frage, ob eine zusätzliche Reinigung vor jeder routinemäßigen Desinfektion tatsächlich einen Mehrwert bringt. Eine Reinigungsstufe kann auch Nebenwirkungen haben: Sie kann eigene Rückstände erzeugen, benötigt Wasser und Zeit und erhöht den Umgang mit Equipment (Mopps, Tücher). Das wiederum kann Kreuzkontaminationspfade und die Fehlerwahrscheinlichkeit erhöhen. Deshalb ist es sinnvoll, in solchen Bereichen nicht reflexartig zu "mehr Reinigung" zu greifen, sondern zu prüfen, ob eine routinemäßige Desinfektion mit einem geeigneten Mittel (einschließlich Benetzungs- und Applikationskontrolle) und ein gutes Monitoring nicht bereits die angemessene und verhältnismäßige Lösung darstellen.

Ein Sonderfall sind geringste, nicht sichtbare toxische Rückstände mit hoher Potenz. Diese beeinflussen in der Regel nicht die Desinfektionswirkung. Wird jedoch nur eine Desinfektion durchgeführt, sollte sichergestellt werden, dass diese Desinfektion die toxischen Rückstände gleichzeitig entfernt oder neutralisiert.

Ein zusätzlicher Praxisaspekt wird oft unterschätzt: Ändert man die Reinigungschemie oder -intensität, ändern sich häufig die Oberflächeneigenschaften (Benetzung, Film, Ladung) - und damit potenziell auch die Wirksamkeit der nachfolgenden Desinfektion. Der Aufwand kann daher nicht nur in der Reinigung selbst liegen, sondern auch in der Notwendigkeit, die nachfolgende Desinfektionsleistung unter den neuen Bedingungen zu bestätigen.

7. Reinigung nach der Desinfektion: Rückstände beherrschen - ohne ein "immer nach jeder Desinfektion"

Die zweite große Unklarheit des Annex 1 betrifft die Frage, wann Desinfektionsmittelrückstände entfernt werden sollen: nach jeder Anwendung, nur bei sichtbaren Rückständen oder in definierten Intervallen. Annex 1 sagt außerdem nicht explizit, in welchen Fällen Rückstände auf produktfernen Flächen überhaupt ein relevantes Produktqualitätsrisiko darstellen.

Hier hat sich in der Praxis ein vernünftiger Ansatz etabliert: Rückstände werden nicht ignoriert, aber risikobasiert gesteuert. Das heißt, man betrachtet die Lage der Oberfläche zum Produkt (produktberührend, produktzugewandt, produktfern), die Eigenschaften des Wirkstoffs (flüchtig bzw. nichtflüchtig, oberflächenaktiv, pulverbasierte Ansätze mit potenzieller Rückstandsneigung) sowie Erfahrungs- und Monitoringdaten.

Bei produktberührenden oder klar produktnahen Flächen ist eine konsequente und nachweisbare Rückstandsbeherrschung naheliegend (siehe Abschnitt 5). Bei produktfernen Flächen (Wände, Böden) kann man häufig - abhängig vom Mittel - mit einer begründeten Strategie arbeiten, die z. B. Grundreinigungen beim Shutdown in definierten Intervallen oder nach Trigger (sichtbarer Rückstand) kombiniert. Wichtig ist die klare Logik: Eine Reinigung "nach der Desinfektion" ist praktisch meist zugleich eine Reinigung "vor der nächsten Desinfektion". Sie wird also nicht gestrichen, sondern passend dimensioniert und platziert.

Ein entscheidender Punkt aus der Praxisdiskussion ist dabei: Es gibt Stimmen, die eine Nachreinigung nach jeder Desinfektion jeder Oberfläche fordern. Das würde den Zeit- und Materialbedarf drastisch erhöhen und wirft sofort Folgefragen auf (z. B. Rückstandsanalytik, Limits, Nachweisgrenzen und erneute Validierungen). Gerade deshalb ist eine rational begründete Risikoabschätzung oft der sauberste Weg, um sowohl Übertreibung als auch Unterkontrolle zu vermeiden.

8. Rückstände: Die fünf Blickwinkel, die man nicht vergessen sollte

Sich "um Rückstände Gedanken zu machen" heißt nicht nur zu prüfen, ob etwas sichtbar ist. Relevanter ist, ob Rückstände Effekte auslösen.

Für das Produkt ist entscheidend, ob es zu Migration, Verschleppung oder Interaktionen in produktnahe Bereiche kommen kann. Für die Desinfektion ist relevant, ob Rückstandsfilme die Benetzung verändern, Wirkstoffe neutralisieren oder Mikroorganismen in Mikro-Nischen schützen. Für das Monitoring ist kritisch, ob Rückstände Probenahme und Wiederfindung beeinflussen oder ob eine Hemmung bzw. Neutralisation, z. B. in den Medien für das Monitoring, zu "zu guten" Ergebnissen führt.

Für das Material sind Korrosion, Versprödung, Dichtungsschäden oder Oberflächenveränderungen wichtig, weil Materialschäden langfristig wiederum Hygieneprobleme verstärken können. Für die Mitarbeiter ist die Exposition gegenüber Gefahrstoffen zentral: Ein sehr wirksames, aber dauerhaft stark belastendes System ist organisatorisch und arbeitsschutzseitig oft nicht nachhaltig.

Aus diesen Blickwinkeln ergibt sich eine einfache, aber wichtige Balance: Rückstandsarme Verfahren sind attraktiv, aber die Wirksamkeit muss mitgedacht werden; hochwirksame Verfahren sind attraktiv, doch Rückstands-, Material- und Expositionsfolgen müssen beherrscht sein.

8.1. Messung und Beurteilung von Rückständen
Der GMP-Annex 15 beschreibt detailliert, wie eine Rückstandsmessung und -beurteilung durchgeführt werden sollte, um daraus den maximalen Carry-over zu berechnen und potenzielle Kreuzkontaminationen zu vermeiden.

Für Desinfektionsmittelrückstände auf nicht produktberührenden Flächen ist diese Methodik nicht passend und zu aufwendig.

Das Kriterium "Visual Clean" würde sich als Messinstrument anbieten, doch nicht alle Rückstände sind gleich gut sichtbar. Tensidische Rückstände, die flächig als Film zurückbleiben, sind schwer auszumachen; auch einige "Camouflage"-Fußböden machen dies nicht einfach. Möglich sind Beurteilungen der Rückstände nach einem Verdunstungstest (Residue on Evaporation), um zu ermitteln, welche Rückstände vorhanden sein könnten, sowie beispielsweise eine Untersuchung mit Swabs zur Ermittlung der Leitfähigkeit der aufgenommenen Rückstände.

Mit einer solchen Methode lässt sich ein potenzieller Rückstand messen und damit auch die anschließend erfolgende Abreinigung quantifizieren.

9. EN-Normen und USP <1072>: Den Maßstab passend zur Reinraumrealität wählen

Bei der Frage nach Reduktionsfaktoren und Kontaktzeiten sollte man sich bewusst machen, dass verschiedene Prüfrahmen unterschiedliche Anwendungsszenarien im Blick haben. EN-basierte Ansätze sind häufig auf Situationen mit höheren Ausgangskeimzahlen abgestimmt und arbeiten entsprechend mit hohen Reduktionsforderungen. Für Reinräume mit typischerweise niedrigen Ausgangskeimzahlen kann es sinnvoll sein, ergänzend Rahmenwerke zu betrachten, die stärker auf pharmazeutische Reinraumbedingungen zugeschnitten sind (z. B. USP <1072>).

Unabhängig davon, welchen Rahmen man heranzieht, entscheidet am Ende die Konsistenz des Gesamtsystems: Risikoanalyse (Flächenbezug, Keimspektrum, Produkt), Nachweis bzw. Prüfung der Wirksamkeit unter realistischen Bedingungen sowie die Bestätigung durch Monitoring und Trending.

10. Schluss: Von der "Feucht-Diskussion" zum datengestützten Hygienekonzept

Die offenen Punkte aus Annex 1 lassen sich selten mit einer universellen Regel beantworten. Praktikabel und auditfest wird es, wenn man systematisch vorgeht: Man definiert Begriffe in der SOP so, dass sie steuerbar sind; man entscheidet über Vor- und Nachreinigung nicht pauschal, sondern nach Flächenkritikalität und Rückstandsrisiko; man berücksichtigt Wirkstoffchemie und Materialeffekte; und man belegt die Eignung im Alltag über Monitoring.

So wird die typische Auditfrage "Muss es die ganze Zeit feucht sein?" zu einer fachlichen, gut beantwortbaren Aussage: Wir kennen unsere realen Benetzungszeiten, wir haben die Wirksamkeit unter diesen Bedingungen abgesichert, und wir zeigen stabile Monitoringdaten.

Auf die Frage nach Rückständen und Reinigung könnte die Antwort lauten: "Auf Basis eines Risk Assessments haben wir die Desinfektionsmittelrückstände erfasst und Maßnahmen festgelegt, um diese dort zu entfernen, wo es notwendig ist. Wir haben die Wirksamkeit der Desinfektionsmittel unter Berücksichtigung potenziell vorhandener Verschmutzungen geprüft. Andere Verschmutzungen werden vor der Desinfektion entfernt. Wir überwachen den Erfolg durch unser Monitoring."

Literatur:
1. European Commission, EudraLex Volume 4 - Good Manufacturing Practice (GMP) guidelines
2. EudraLex - Volume 4 - Good Manufacturing Practice (GMP) guidelines, Annex 1, Manufacture of Sterile Medicinal Products (fully applicable from 25.08.2025)
3. Pharma Technologie Journal, Gute Hygiene Praxis, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, Editio Cantor Verlag
4. Hygiene in der Arzneimittelproduktion, Michael Rieth und Norbert Krämer, Wiley-VCH
5. United States Pharmacopeia, Chapter <1072> Disinfectants and Antiseptics
6. Wallhäußer's Praxis der Sterilisation, Desinfektion, Antiseptik und Konservierung, Kramer und Assadian, Thieme Verlag

 

Über die Autoren:
Anastasija Schlicht
... ist Leiterin für mikrobiologische Spezialprüfungen bei Labor LS SE & Co. KG und Gutachterin für die Erstellung von Desinfektionsmittel-Gutachten beim Verbund für Angewandte Hygiene (VAH).
Thorsten Hinken, Dipl.-Biologe, 
... ist seit über 20 Jahren im Bereich der Reinraumdesinfektion tätig, unter anderem bei Shield und Ecolab.
Axel Schroeder, Dipl.-Biologe,
.... ist Fachbereichsleiter Mikrobiologie und Hygiene bei Concept Heidelberg sowie Administration Manager der Pharmaceutical Microbiology Group der ECA.








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